Die persönliche Eigenart des verstorbenen Mitbruders zu zeichnen ist durch die Sichtung all
der Dinge, die in Schrank und Schubladen seiner Zeile den letzten Winkel füllten, nicht
leichter geworden.
Beginnen wir beim B i b 1 i o t h e k a r. Als solcher kannte er sich in den Bücherbeständen
unserer Klöster vorzüglich aus und war jedem Mitbruder sofort zu jedem Dienst bereit, wenn
für eine Spezialfrage der kompetente Autor gesucht werden mußte. Sein Lesehunger umfaßte
sozusagen alles, was ihm in die Hände kam, wenn auch die profunden Werke der Theologie
und Aszetik nicht immer im Vordergrund standen. Was im großen Blätterwald ihm
begegnete, hat er gesammelt und nach Stichworten geordnet in seinem Kasten aufgestapelt.
Daraus hat er manchem Kollegienprofessor zur Belebung des Unterrichtes Illustrations- und
Dokumentationsmaterial geliefert.
Während zehn Jahren trug er die Verantwortung für die Seelsorge im Bürgerheim
Schüpfheim. Diese Aufgabe ist größer als vielleicht mancher Mitbruder mit großer pastoreller
Übersetzungskraft meinen möchte. Nicht nur bat er bei gutem und bei schlechtem Wetter
viele hundert Male den holperigen Weg unter die Füße genommen; nicht nur Gottesdienst
gehalten und die Beichte der alten und oft recht komischen Leute abgenommen. Es zeigte sich
bei seinem Tod, daß er die Herzen dieser Menschen gewonnen hatte. Das brachte er nicht
durch Beredsamkeit und nicht durch geistreiche Konversation zustande, sondern durch seine
unverwüstliche Geduld, Güte und Hilfsbereitschaft.
In der ganzen Provinz war er als U h r e n d o k t o r bekannt. Von seinem noch lebenden
Vater, der eine Stickerei mit zum Teil selbstkonstruierten Maschinen betreibt, mag er ein
besonderes Talent für Feinmechanik geerbt haben. Im Lauf der Jahre hatte er sich ein
wohlsortiertes Instrumentarium angelegt und eine große Erfahrung erworben. 200-jährige
Kloster-Gang-Uhren, denen die Leute von der Zunft kein neues Leben mehr einzuhauchen
vermochten, hat er mit Scharfsinn und Geduld wieder brauchbar gemacht. Wohl die Hälfte
der Mitbrüder unserer Provinz hatte gelegentlich seine Geduld und Kunst des Uhrenflickens
beansprucht. Im Amt Entlebuch war sein Name überall bekannt. Sogar der Fachmann im Dorf
schickte ihm Kunden mit ihren nicht selten hoffnungslosen Patienten.
Sonderbar ist nur, daß er, obschon fast immer mit Uhren beschäftigt, keinen Sinn für Zeit
hatte. Dieser Umstand hat dem lieben Mitbruder viele Schwierigkeiten bereitet, die er
allerdings mit einer unverwüstlichen Geduld zu tragen wußte. Wenn einer im Chor oder sonst
zu einer gemeinsamen Übung zu spät kam, dann war es unser gute P. Aurelius. Mußte er zu
einer Aushilfe verreisen, dann setzte er meistens auf die letzte Minute und nicht selten sah er
nur noch das Schlußlicht des abfahrenden Zuges. Auch auf der Almosensammlung versagte
des öfteren sein Zeitbegriff. Wenn in einer Stube ein defektes Kinderspielzeug anzutreffen
war oder eine kranke Uhr, dann mußte er helfen. Dadurch entstehende Mißhelligkeiten nahm
er nicht tragisch.
Damit kommen wir vielleicht zum eigentlichen Charakterzug unseres Mitbruders: gütige und
geduldige Hilfsbereitschaft ohne Absicht auf Geltung und Ehre. So diente er den Leuten im
Beichtstuhl, wobei auch lästige Skrupelanten ihn nicht aus der Fassung bringen konnten. So
ging er als Bibliothekar den Mitbrüdern an die Hand. So konnte er sich mit den alten
umständlichen Leuten im Bürgerheim abgeben. Für alle Sorgen und Anliegen anderer
Menschen hatte er Zeit und Geduld. Auch das Uhrenflicken war meistens Hilfe am kleinen
Mann. In dieser Hilfsbereitschaft war er durch nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Wohl konnte er gelegentlich augenrollend die Bemerkung "Sack und Bändel" machen, aber
solche "Zornausbrüche" richteten sich meistens gegen Mitbrüder, die ihm mit ihren
Neckereien auf den Leib rückten.
Vor lauter Güte und Hilfsbereitschaft schien P. Aurelius nicht nur die Zeit, sondern auch sich
selbst zu vergessen. Das wirkte sich bei seiner Krankheit mit einer gewissen Tragik aus. Seit
Neujahr ungefähr sah er schlecht aus. Oft machten wir ihn im Gespräch darauf aufmerksam.
Aber er klagte nie und erst auf öfteres Zureden hin stellte er sich dem Arzt am Tage seiner
letzten heiligen Messe, am 29. März, wo er sich mit letzter Kraft ins Bürgerheim begab. Die
Diagnose lautete auf 60 Prozent Blutverlust als Folge eines Magengeschwüres. Die sofortige
Spitalbehandlung zeitigte keinen Fortschritt. Zehn Tage später wurde das Magengeschwür
durch operativen Eingriff entfernt. Auch jetzt wollte die Lebenskurve nicht aufwärtsgehen.
Am Karfreitag wurde ihm die heilige Oelung gespendet. Aber noch am Karsamstag mokierte
er sich über die Arzte, die sein Leben abschreiben wollten und war überzeugt, daß er sich
wieder erholen würde. Wegen des großen Blutverlustes, den die ärztliche Kunst nicht mehr
ausgleichen konnte, war er vermutlich zu schwach, um die tödliche Gefahr seiner
Krebskrankheit zu erfassen. Anderseits hatte die große Körperschwäche wohl auch den
Vorteil, daß der auf die ganze Bauchgegend ausgedehnte Krebs sich nicht schmerzhaft
auswirken konnte.
Zwei Einspritzungen verschafften ihm eine ruhige letzte Nacht. Als er am Ostermorgen früh
um 5 Uhr erwachte und hörte, daß der wachende Bruder Gottlieb vom Kloster Wesemlin
Sterbegebete verrichtete, rollte er nach seiner gewohnten Weise die Augen und fragte den
Bruder, ob er denn sterben müsse Die vorsichtige Antwort war für P. Aurelius klar genug.
Auf die Frage des Bruders, ob er noch etwas zu trinken wünsche, antwortet er: "Nein, nur
noch beten!“ Bei vollem Bewußtsein betete er nun eine halbe Stunde mit seinem Mitbruder,
fiel dann in einen mit leichten Kämpfen abwechselnden Dämmerzustand und nach zehn
Minuten erlöste ihn der Bruder Tod.
Aus seinem Verzeichnis der Freimessen ersehen wir, daß P. Attrelitis jeden Monat die erste
Frühmesse zu Ehren des heiligsten Herzens Jesu aufopferte. Sein erbaulicher Tod war wohl
kein Zufall und seine unverwüstliche Güte und Hilfsbereitschaft hatte trotz einem bestimmten
Maß von Naturanlage eine verborgene Quelle. Nun möge er mit allen Gütigen und geduldig
Dienenden das Reich Gottes besitzen!
R. I. P.
P. Thaddäus