Schwester Thietlanda Wild


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Sr. M. Thietlanda Wild, Ingenbohl



Sr. Thietlanda Wild, 1. Profeß 1901, + 24. Februar 1964.

Von den 64 Ordens-Jahren, die der kleinen Sr. Thietlanda beschieden waren,

verbrachte sie 62 in der Druckerei „Paradies“. - Sie fand hier eine zweite

Heimat, nachdem sie schon im vorschulpflichtigen Alter zur Vollwaise

geworden war. Ein Onkel, der Vaterstelle an ihr vertrat, brachte sie ins Kloster.

Sie war damals erst 16jährig, fast noch ein Kind, und ein Kind blieb Sr.

Thietlanda in manchem bis ins hohe Alter. Nach einer zweijährigen Ausbildung

im Seminar schickten die Oberen die „tifige“ Kandidatin in die Druckerei, wo

sie als Setzerin Buchstabe an Buchstabe reihte. Sogar als Novizin und später als

Profeßschwester stand Sr. Thietlanda Tag für Tag unentwegt am Setzkasten, wo

sie oft im fröhlichen Wettstreit mit Sr. Constantina, die damals noch Anfängerin

war, Zeile um Zeile setzte. Ihr kindliches Gemüt sah in den ewig gleichen 25

Buchstaben kein totes Material, ja, man konnte sie sogar hie und da mit ihnen

plaudern hören: « Hansjörgli, was ist das? Schön grad stehen! » Natürlich

erlebte Sr. Thietlanda in den 60 Jahren manche Neuerung in ihrem Beruf, hatte

sie doch noch die mehr oder weniger romantische Zeit der Petroleumlampen und

des Wasserrades erlebt. Es war ein großes Ereignis, als 1913 der ganze Betrieb

elektrifiziert wurde, ein Erlebnis, das Sr. Thietlanda wenigstens an die 100 mal

erzählte.

Bei aller Begeisterung für ihre Arbeit verlor Sr. Thietlanda den Kontakt weder

mit Gott noch mit ihrer Umwelt, vor allem nicht mit den Kindern und mit der

Natur. Jungen Schwestern gab sie oft den Rat: « Der liebe Gott ist alles wert!

Man muß etwas für ihn wagen. » Plagten sich Anfängerinnen mit dem Gewicht

das Satzes herum, nahm sie die schwere bleierne Last wie spielend in die Hand

und meinte gutmütig: « In 50 Jahren werden Sie es auch so gut können. »

Überstunden schlug sie nie hoch an, ebensowenig war ihr aber als Ausgleich ein

vierstündiger Marsch in den Wald zu viel. Sie kannte die schönsten

Heidelbeerplätze und wanderte leidenschaftlich gern auf den umliegenden

Bergen und Hügeln herum. Das Lied «Von ferne sei herzlich gegrüßet ... » paßte

ihr nicht. Sie besah sich die Schönheiten der freien Gotteswelt lieber aus

nächster Nähe. Kein Wunder, daß ihr mit den Jahren der Verzicht auf

Wanderungen sehr schwer fiel, fast so schwer wie der Abschied vom

Setzkasten. Leider konnte sie wegen ihrer gekrümmten Finger und der müden

Augen nicht mehr setzen. Als der Arzt ihr, der 80jährigen, sagte, sie könne

schon noch 90 werden, lebten ihre Lebensgeister wieder auf. Sie verlegte sich

aufs Abwaschen und erzählte dabei immer wieder die Geschichte ihrer Berufung

und ihre ersten Erlebnisse in der Druckerei. War die Arbeit getan und fanden

sich keine Zuhörer mehr, spazierte sie in den Garten und erzählte dort ihre

Geschichte den Vögeln. und den Blumen. Langsam, langsam rang sich die gute,

alte Schwester von einem Verzicht zum andern durch. Als sie den schwersten

hinter sich hatte, den Abschied vom Paradies, siedelte sie, geistig fast ganz zum

Kind geworden, ins Krankenhaus St. Josef und von da ins himmlische Paradies

über.